... so werde ich regelmäßig an der Supermarktkasse gefragt. In meiner Kindheit gab es in der Drogerie Rabattmarken, heute gibt es Payback-Punkte. Das Prinzip ist das Gleiche: Bei jedem Einkauf klebt man eine Marke oder sammelt Punkte und wenn das Heft voll ist oder eine bestimmte Anzahl Punkte erreicht ist, kann man die Punkte einlösen und bekommt etwas dafür. Manchmal sammeln Menschen in zwischenmenschlichen Begegnungen Rabattmarken ganz anderer Art und vielleicht kennst du das auch:
Jemand sagt etwas, was dich verletzt, oder tut etwas, was dich ärgert, aber du sagst nichts dazu. "Bloß keinen Streit anfangen!" Du hast vielleicht Angst, dass die Person dich dann weniger mögen könnte oder dass die Stimmung leidet. Also erfährt die Person nichts von deinem Ärger. Aber weil der Ärger in dir ist und irgendwohin muss, klebst du eine Ärger-Marke in ein unsichtbares Markenheft. Beim nächsten Mal gibt es einen anderen Anlass, weshalb du dich über die Person ärgerst, und du sagst wieder nichts. "Man muss ja nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. So wichtig ist das ja auch nicht." - und zack, klebst du unbewusst die nächste Ärger-Marke in dein Heft. So geht es einige Zeit weiter - bis das Heft voll ist. Dann reicht eine Kleinigkeit und du löst deine sorgsam gesammelten Marken mit einem anklagenden Wutausbruch ein: "Immer verhältst du dich soundso...!" oder "Du bist so ...!" Deine Reaktion ist völlig unverhältnismäßig. Du hast eine verzerrte Sicht, denn du reagierst nicht auf die eine Situation, die dich in dem Moment ärgert, sondern auf die ganzen Ärger-Marken, die du im Stillen über lange Zeit akribisch gesammelt hast, statt dein Ärgergefühl direkt offen anzusprechen.
Wer um jeden Preis einen Streit vermeiden möchte, provoziert genau damit eine Eskalation, weil Ärger-Punkte gesammelt werden, statt die Situation direkt zu klären und dabei ohne anzuklagen die eigenen Bedürfnisse und Empfindungen mitzuteilen. Auch wenn es für viele normal ist, Punkte zu sammeln: Auf die Frage "Sammeln Sie Punkte?" darf ich bewusst entscheiden: "Nein, danke!"
Und wenn ich das nächste Mal an der Supermarktkasse gefragt werde, ob ich Punkte sammle, kann ich das als Reminder nehmen und mich fragen, mit wem ich vielleicht ein klärendes Gespräch suchen sollte, statt weiter Ärger-Punkte in ein unsichtbares Heft zu kleben.
Gottes Segen wünscht euch Rena Lewitz