Apostel Harburg

Spiritualität ganz einfach erklärt - Inspiration für Dich!

Daphne Terner hat für den Gemeindebrief Frank Puckelwald (FP, Foto), Pastor und Referent für Spiritualität im Gemeindedienst der Nordkirche, interviewt. Hier kann man die längere Version lesen, die aus Platzgründen nicht in den Gemeindebrief passte:

1.      Seit wann bist du für Meditation und Spiritualität in der Nordkirche zuständig? Wie kann man sich diesen Job vorstellen?

FP: Die Stelle, die ich seit 2010 innehabe und am Gemeindedienst angebunden ist, gibt es seit den 1990iger Jahren. Damals erkannte die Kirche, dass immer mehr Menschen auch außerhalb der Institution nach spirituellen Erfahrungen suchen. Es war mit Händen zu greifen: Für diesen Bereich verlor sie immer mehr ihr Alleinstellungsmerkmal, das sie über Jahrhunderte ganz selbstverständlich vorausgesetzt hatte. Neu war, dass vermehrt nach Erfahrung und erst dann nach Information gefragt wurde.

Und so gehört zu meiner Arbeit, dass ich zwischen Flensburg, Hamburg und Greifswald, also in der gesamten Nordkirche unterwegs bin, um Erfahrungsräume für spirituell interessierte Menschen anzubieten. Das geschieht in Gemeinden, die mich dazu einladen, und in Tagungshäusern, als einzelne Veranstaltung oder als Fortbildungsreihe. Das können sogenannte Oasen-Tage sein, Einkehr-Wochenenden, aber auch Workshop-Reihen wie zum Thema „Einführung in die Stille“ (Grundanleitung für Meditation) oder Einführung in geistliche Körperarbeit.

Darüber hinaus bin ich seit 2007 im Netzwerk „Geistliche Begleitung“ engagiert und habe dort fünf mehrjährige Langzeitfortbildungen mitgestaltet. Die geistliche Begleitung von einzelnen und auch von Gruppen gehört mit zu meiner Arbeit.

2.      Was verstehst du unter Spiritualität?

FP: Der bekannte Theologe Fulbert Steffensky hat vor einigen Jahren so schön beschrieben: „Spiritualität ist ein Container-Begriff mit Randunschärfe!“

Soll heißen: Es gibt wahrscheinlich so viel Beschreibungen, was Spiritualität sein kann, wie es Autoren und Autorinnen gibt! Denn dieser Begriff ist wie ein großer Container, in den alles Mögliche und Unmögliche hineingefüllt wird – aber die Ränder sind nicht fest und unbeweglich. Und das macht den Umgang mit diesem Thema einerseits bunt und vielfältig, anderseits diffus und verwirrend, denn der Begriff entzieht sich der Festlegung. Ich bejahe das zutiefst, denn es entspricht der Sache selbst.
Im Begriff SPIRITUALITÄT steckt ja das Wort SPIRITUS,  der lateinische Begriff für GEIST, den wir den auch den heiligen Geist Gottes nennen. Spiritualität ist für mich vergleichbar mit einem Raum, in dem wir Erfahrungen mit dem Wirken des Geistes Gottes machen.

Von dem berühmten katholischen Theologen des vergangenen Jahrhunderts Karl Rahner gibt es den Ausspruch: „Der Christ der  Zukunft wird ein Mystiker sein – einer, der etwas erfahren hat – oder er wird nicht sein.“ Ich bin davon überzeugt, dass er Recht hat. Auch darum ist mir meine Arbeit so wichtig: Ich möchte Menschen anleiten, diesen Raum der spirituellen Erfahrungen für sich zu entdecken und in ihren Alltag zu verankern.

3.      Wie spirituell erlebst du die „Durchschnitts-Deutsche“ Gemeinde?

FP: Diese Frage ist ganz schwer zu beantworten, denn es kann ganz schnell arrogant oder besserwisserisch klingen. Aber wenn ich ehrlich bin: Die „Durchschnitts-Deutsche“ Gemeinde mag viele Stärken haben: zum Beispiel im Bereich des diakonischen Engagements, in der Kinder- und Jugendarbeit, bei den Senioren, in der Gottesdienstkultur, also in allem, was das sogenannte „1. Programm“ einer normalen Gemeinde so hergibt. Aber ich kenne nur sehr wenige Gemeinden, in denen Spiritualität überhaupt auf der Themenagenda steht. Seit den 90iger Jahren gibt es inzwischen in einigen Gemeinden auch Taizé- und Meditationskreise oder Angebote im Rahmen des Kirchenjahres, die den Ansatz erfahrungsbezogener Angebote aufnimmt. Aber sie sind aufs Ganze betrachtet immer noch Ausnahmen. Schaut man sich Gemeindebriefe an, so zeigen diese oft ein buntes Bild unterschiedlichster Angebote, die mit den oben genannten Zielgruppen zu tun haben. Aber nach dezidiert spirituellen Übungsgruppen und Angeboten, die den persönlichen, geistlichen Entwicklungsweg unterstützen, schaut man meist vergebens.

4.      Warum ist Spiritualität wichtig für das Glaubensleben?

FP: Auch hier muss ich vielleicht etwas ausholen: In unserer evangelischen Kirche scheint es so zu sein, dass man mit dem Abschluss des Konfirmandenunterrichts alles vermittelt bekommen hat, was es heißt, in dieser Welt als Christ zu leben.
Fragt man nach, was denn Christsein bedeutet, so hört man oft, dass dies doch etwas mit Nächstenliebe usw. zu tun habe. Und bei näheren Fragen nach Glaubensinhalten und Glaubenspraxis kann es schnell diffuse Antworten geben, weil dieses Thema in einen intimen und tabuisierten Bereich führt, in dem eher Sprachlosigkeit oder sogar Scham herrschen.

Spiritualität hat darum ganz wesentlich mit Einüben zu tun. Wie geht das ganz praktisch: Beten? In der Bibel lesen und vor allem sie verstehen? Welche Rituale können mir im Alltag helfen? Wie gehe ich mit Stille um? Kann sich mein Glaube „leibhaftig“ ausdrücken? Welche konkrete Gestalt, welchen persönlichen Ausdruck bekommt mein Glaube? Wie gehe ich mit Problemen um und anderes mehr.

Spiritualität braucht immer wieder verschiedene Pole: meinen ganz persönlichen Weg und die Gemeinschaft mit denen, die wie ich unterwegs sind, den Alltag wie die besonderen Zeiten, die Stille wie die Aktion.

5.      Gibt es Übungen, die man machen kann, dass Spiritualität/Meditation einem zugänglicher wird?

FP: Von Anselm Grün, dem berühmten Benediktiner, gibt es das Buch „Willst Du Gott erfahren, so öffne Deine Sinne!“ In diesem Buch gibt es eine Vielzahl ganz einfacher und konkreter Übungen fürs Hören, Sehen und Fühlen. Darin wird deutlich, dass geistliche Erfahrungen immer auf die Ganzheit unseres Lebens zielen. Es geht also nicht darum, etwas Besonderes zu denken, sondern das, was konkret ist, als den Raum zu erkennen, in dem wir Erfahrungen mit Gott machen. Dafür spielt Aufmerksamkeit eine große Rolle.

Ich will ein Beispiel nennen. Wenn ich einen Gruppenabend beginne (übrigens auch über ZOOM), dann bitte ich zu allererst die Teilnehmenden zu erspüren, wie sie jetzt gerade sitzen. Nur wahrnehmen, nichts ändern oder korrigieren. Ich bitte sie zu erspüren, dass unter ihnen ein tragender Grund ist. Dann bitte ich sie ein paar Atemzüge zu nehmen und die Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das Kommen und Gehen des Atmens zu lenken. Nach einer ganz kurzen Stille verbinde diese beiden Wahrnehmungen mit einer kleine Deutung: Der Grund unter unseren Füßen verweist auf den einen Grund, der alle und alles trägt – in unserem Glauben nennen wir diesen Grund GOTT. Gott, unser tragenden Grund – wie immer wir jetzt hier sind, so trägt und bejaht uns Gott. Den Atemfluss noch einmal wahrnehmen. Mit jedem Einatmen empfangen wir das Leben neu und mit jedem Ausatmen geben wir es zurück. Der Atem des Lebens, den Gott uns mit seinem Geist schenkt, empfangen wir und geben ihn zurück.
So bleiben wir einige Zeit in Stille: in der Gegenwart Gottes – Grund, der uns trägt, Atmen, der uns lebendig macht.

Vielleicht macht diese kleine Übung deutlich, wie konkret und wie „einfach“ im besten Sinne des Wortes spirituelle Übungen sind. Sie beziehen oft konkrete Körperwahrnehmungen ein, weil dies der beste Weg ist, wirklich präsent zu werden. Unsere Gedanken und Gefühle tragen uns bald hierhin, bald dorthin, aber unser Leib ist immer in der Gegenwart. Und dies – so mein Vertrauen – ist  nichts als die Gegenwart Gottes. So zielt Spiritualität letztlich darauf, der Gegenwart Gottes immer gegenwärtiger zu werden.

Vielen Dank für das Interview!